Warum Kleidung sinnlich und emotional sein kann

„Hast du schon mal das Hirschleder angefasst? Das hat einen erotischen Griff!“ Das sagte mir mal der Leiter des Lederlagers eines Heidelberger Herstellers und Händlers von Accessoires, in der ich einen Job in den Semesterferien hatte. Ich glaube, er hatte für mich das erste Mal verbal ausgedrückt, welche sinnliche, ja emotionale Qualität ein Material haben konnte. Natürlich musste ich das ausprobieren, und ja, das war wirklich unglaublich weich, dieses Hirschleder zwischen den Fingern zu haben. Die verschiedenen Lederarten zu spüren, vom relativ harten Rindsleder über Lammnappa bis eben zu Hirsch, oder auch Schlange oder Krokodil. Ein großartige sinnliche Erfahrung, die ich dort machen durfte.
Stoffe erinnern
Eine andere sinnliche Erfahrung machte ich ebenfalls in der Modebranche, wenn auch eher beiläufig: Bei Betty Barclay war ich sozusagen der „Müllmann“. Das meiste war weder besonders eklig noch sinnlich anregend: Hauptsächlich Kartons aus der Retourenabteilung in die Kartonpresse geben, aber ab und zu kamen auch Stoffreste, wie ich sie auch aus Mutters Nähschrank kannte, glatter seidiger Futtertaft, wie ich ihn bestimmt Dutzende Male auch für meine Mutter einkaufen musste, die selbstständige Schneidermeisterin war. Oder Georgette-Stoff, eine fein strukturierte Oberfläche, rau und doch weich fallend, das sind nur wenige Beispiele der Stoffarten, die ich in Erinnerung behalten habe.


Ich bin wirklich kein Kenner von Stoffen geworden, aber auch, wenn ich bei den gelegentlichen Hamburg-Besuchen mit meiner Mutter durch die Stoffabteilungen von Alsterhaus, Karstadt usw. streifte, blieb nicht aus, dass ich meine Finger über die vielen bunten Stoffballen gleiten ließ und die feinen Unterschiede spürte. Und wie bereits in Wie alles begann beschrieben, hatte ich es schon sehr genossen, über Feinstrumpfhosen zu streichen.
All diese sinnlichen Erfahrungen haben Rückkopplungen zu unseren Emotionen, ein Wohlgefühl, das uns erfüllen kann, wenn wir darüberstreichen. Das kann bei ganz normalen 15 Denier Feinstrumpfhosen schon die Glätte des Stoffes sein. Mir geht es bei verschiedenen Strumpfhosen mit Streifen oder einer mit einem Flammenmotiv (von Snagtights) so, dass der Wechsel von der normalen Struktur zu dem Motiv sich spannend anfühlt, weil dort eine andere Denierstärke verarbeitet wurde oder der Stoff leicht rauer oder glatter ist.
Das geht selbstverständlich nicht jedem Menschen so: Ich kenne auch Menschen, die genau dieses Gefühl von Nylonstrumpfhosen oder Lycra nicht mögen. Vielleicht hängt das einfach mit bestimmten frühkindlichen Erfahrungen zusammen.
Je nach Material haben wir auch unterschiedliche Temperaturempfindungen: Ein seidiger Stoff kann sich oft auch zunächst kälter anfühlen, ebenso wie Leder oder Kunstleder, als ein strukturierter Stoff, und das ungeachtet der Stoffdicke.
Kleidung hat Geräusche
Und bist du ist nicht auch schon in eine gefütterte Jacke geschlüpft und hast nicht nur die Glätte, sondern auch das Geräusch genossen oder zumindest wahrgenommen, wenn Finger und Arme am Stoff entlanggleiten? Jedes Material, mit dem man in Berührung kommt, hat sein ganz eigenes Geräusch: oft nur fein wahrnehmbar, aber vorhanden. Und je nachdem kann es auch bei der Bewegung der Person, die es trägt, zu hören sein: knarzendes Leder oder ein ganz hohen Surren, wenn feine Stoffe aneinanderreiben. Ich denke, ASMR-Fans sind dafür besonders empfänglich. ASMR ist die Abkürzung für Autonomous Sensory Meridian Response. Dabei werden besonders leise Geräusche wie Flüstern, Klopfen oder Kratzen auf Gegenständen zum Beispiel für Entspannung oder Erregung genutzt.
Nicht zuletzt wirken sich auch Farben auf unsere Emotionen aus: Jede Farbe und sogar jede Schattierung hat eine andere Qualität, das ist uns allen klar: von softem Babyrosa, über fröhliches Knallrot bis hin zu edlem Bordeauxrot nimmt jeder, und sei es nur unbewusst, den unterschiedlichen Ausdruck der Farbe wahr. Hinzu kommen natürlich noch unterschiedliche Muster.
Männerkleidung bleibt oft funktional
Wenn ich mir die Angebote der Modehändler anschaue, sehe ich schnell, dass viele Kleidungsstücke für Männer nur eine sehr eingeschränkte Palette an Farben, Formen und Materialien anbieten. Welche Farben werden für feine Anzüge angeboten? 90 Prozent werden sich in den Bereichen grau, dunkelblau, dunkelviolett , anthrazit und schwarz bewegen. Und nichts anderes habe ich selbst in meinem Herren-Schrank.


Eine Frau würde zu einem feinen Anlass durchaus auch je nach Mode lachsfarben, abricot, hellgrün oder pink oder andere Farbschattierungen anziehen. Es gibt grundsätzlich für Frauen keine Grenzen außer denen, die der Markt gerade anbietet. Dasselbe gilt natürlich auch für Muster: Schaut man sich mal die Hemdenregale eines Kaufhauses an, dürften sicher auch zu 90 Prozent kariert und gestreift die häufigsten Muster sein. Geblümt? Paisley? Zickzack? Die Zeiten von Hawaii-Hemden sind lange vorbei. Bei Freizeithemden und T‑Shirts sieht es allgemein etwas bunter aus, aber im Business scheint Langeweile für Seriosität zu stehen.
Ausdrucksmöglichkeiten liegen noch in Kragenformen: Mey und Edlich beispielsweise nennen genau 5 verschiedene: Kent, Haifisch, Button-down, Steh- und Reverskragen. Besonders Mutige drücken sich noch über die verschiedenen Farben, Muster und Motive ihrer Krawatten aus und tragen nicht nur Oxford-oder Budapester Schuhe, sondern auch Sneaker, aber meistens nach dem Motto: Nur nicht auffallen! Selbst wenn man berücksichtigt, dass Freizeitkleidung deutlich mehr an Farben und Formen “erlaubt” als sachliche Businesskleidung: Herrenkleidung darf offenbar nur funktional sein. Extrem weite Hosen, Trompeten- oder Kimonoärmel, Seide oder Crêpe de Chine usw. sind eher selten bis nie zu finden.
Die Freiheit weiblicher Kleidung
Damenkleidung bietet zwar auch diese Standards an, nachdem die Damen sich das Tragen von Hosen im 20. Jahrhundert erobert haben. Aber die Formen, Farben, Längen und Materialien (habe ich noch was vergessen?) sind im Grunde unendlich. Es gibt so gut wie nichts, was es nicht gibt. Natürlich wechseln die Moden, aber von engen einfarbigen Bleistiftröcken bis hin zu kunterbunten glockigen Röcken, von zerrissenen Punk-Miniröcken bis zum klassischen Hahnentritt oder Polka Dots, es gibt eine unglaubliche Vielfalt, die jeden persönlichen Ausdruck ermöglichen und jeden Tag einen anderen Ausdruck der eigenen Persönlichkeit ermöglicht. Am einen Tag „die brave Hausfrau“, am nächsten Tag „der Vamp“, am dritten „die elegante Businessfrau“. Und natürlich alles dazwischen und darüber hinaus. Je nach Wetter kann ich mich zwischen dickeren oder dünneren Stoffen entscheiden, kann entscheiden, ob ich mit bloßen Beinen, mit Nylon-Feinstrumpfhosen (oder je nach Situation und Vorliebe mit Strümpfen und Strumpfhaltern), mit warmen Strickstrumpfhosen oder einfach nur mit Sneakersöckchen oder Wollsocken rausgehe. Auch die Vielfalt an Farben, Formen und Absatzhöhen ist bei Schuhen ebenso groß.

Wer man einmal erlebt hat, wie es sich anfühlt, wie der Rocksaum durch den Wind mal hier mal da die Beine umspielt und berührt oder bei Bleistiftröcken der Schritt leicht in seiner Länge begrenzt wird oder sich der Stoff leicht dehnt, weiß, welches sinnliche Erleben mit dem Tragen eines Rockes oder eines Kleides verbunden ist.
Oder was manche von uns als Kind bereits erlebt haben, wenn wir in die (viel zu großen) Heels unserer Müttter oder Schwestern gestiegen sind: Die andere Körperhaltung ist nicht nur sinnlich anders, sie kann sogar unsere Eigenwahrnehmung und unsere Psyche beeinflussen. Aufrechtes Gehen kann nicht nur Ausdruck von mehr Selbstvertrauen sein, sondern sich umgekehrt auch ein bisschen auf unser Selbstvertrauen auswirken. Und jeder hat das Klacken von Absätzen auf Böden gehört, das den Träger oder die Trägerin schon von weitem ankündigt: eine Aufmerksamkeit, die ich je nach Situation genieße oder besser vermeide.
Diese sinnliche Vielfalt in jeder Dimension ist es für mich, die es bewirkt, dass Damenkleidung deutlich mehr emotionalen Ausdruck ermöglicht als Herrenkleidung.
