Wie alles begann

Bevor ich wusste, was Crossdressing überhaupt ist, gab es dieses Gefühl: mit den Fingern über Nylon zu streichen.
Denn genau darum ging es am Anfang: nicht um Identität, sondern um Material, Sinnlichkeit und Heimlichkeit. Irgendwann im Laufe der Pubertät entdeckte ich das schöne sinnliche Gefühl, über Nylonstrumpfhosen zu streicheln, sicher auch dadurch angeregt, dass meine Mutter zu der Zeit oft welche trug. Gefühlt ging sie nie ohne aus dem Haus, und in ihrer Hochglanz-Frisierkommode gab es eine Schublade, die vollgestopft war mit Strumpfhosen, in der Regel getragen und gewaschen. Die meisten waren hautfarben, einige wenige auch schwarz. Neue, unverpackte habe ich höchstens beim Kaufen gesehen. Es waren so viele, dass es kaum auffiel, wenn eine fehlte.
Eines Tages schnappte ich mir ein Paar und zog sie, weil es mich körperlich stark erregte, zum (heimlichen) Masturbieren an. Nach dem Höhepunkt zog ich sie, mit Sperma versaut, wieder aus, versteckte sie und legte mich schlafen. Ich konnte mich auch ohne sie erregen, keine Frage, aber das war ein ganz besonderes Gefühl mit den Strumpfhosen. Anders als bei vielen anderen Crossdressern, deren Geschichten ich heute höre, war das fast das einzige Kleidungsstück, das ich damals anzog. Noch keine Spur von Highheels, Röcken und anderem.
Nur der violette Lycra-Stoff eines nicht mehr benutzten Gymnastikanzugs (im Prinzip ein Bodysuit) meiner älteren Schwester hatte es mir noch angetan: Über diesen seidigen glatten Stoff zu streichen war ebenfalls eine Wonne. So groß wie das Wohlgefühl beim Tragen war aber gleichzeitig auch die Scham. Schon allein das Masturbieren, aber erst recht etwas anzuziehen, das ganz eindeutig nicht für mich als Jungen bestimmt war. Das passierte immer heimlich, denn wie sollte man damit denn umgehen? Als pubertärer Junge in den 1970ern, für den die Rolle als zukünftiger Mann klar festgeschrieben war, und mit Eltern, die als Kriegsgeneration und nicht Intellektuelle gar nicht das Rüstzeug hatten, über Gefühle, Rollenverständnis und andere persönliche Befindlichkeiten zu sprechen, war ich auch sprachlos.
Insofern blieb das immer heimlich. Entdeckt zu werden, machte mir Angst. Was würden meine Eltern denken? Wie würden sie reagieren? Und eines Tages passierte es dann leider auch: Mein Vater “ertappte” mich einmal “auf frischer Tat” spätabends oder nachts. Plötzlich ging die Tür auf, ich erstarrte und versuchte mich panisch gut zuzudecken, aber vermutlich nicht gut genug, und er fragte, ob ich verrückt sei. Ich weiß nicht, wie ich reagiert habe, aber ich hätte am liebsten ein Loch im Boden gefunden, um darin zu verschwinden, so groß war die Scham und auch die Demütigung.
Eine Frage wie die meines Vaters dürften viele aus meiner Generation erlebt haben, egal ob es um Sexualität allgemein, um Crossdressing oder andere queere Verhaltensweisen ging. In den nächsten Tagen war ich ängstlich gespannt, was passieren würde, aber nichts. Kein Sterbenswörtchen fiel mehr über diese nächtliche Schreckminute, weder in negativem noch in positivem Sinne, weder von mir, noch von meinem Vater, noch von meiner Mutter. Nichts. Der Mantel des Schweigens wurde darüber gedeckt. Ob meine Eltern sich darüber je ausgetauscht haben, weiß ich nicht. Es blieb einfach bei der Sprachlosigkeit. Aber im Endeffekt war ich damals erleichtert darüber.
Das ging einige Jahre so weiter, bis ich nach dem Abitur auszog. Es kann sein, dass ich als junger Student damit noch kurze Zeit weitergemacht habe, das weiß ich nicht mehr genau. Jedenfalls fehlte, wenn die Strumpfhosen mal richtig kaputt waren, der bequeme Nachschub. Sie selbst im Kaufhaus zu kaufen, wäre hochnotpeinlich gewesen. So hörte ich mit der Zeit damit auf, und nach einiger Zeit vermisste ich das nicht einmal mehr. Dennoch: ein “dunkles Geheimnis” der Vergangenheit war das sicher, das ich über lange Zeit verdrängte. Nylons spielten überhaupt keine Rolle mehr in meinem Leben, auch wenn ich mich sehr freute, dass meine Frau sich (ohne eine Anregung von meiner Seite) entschloss, zum Hochzeitskleid bei der standesamtlichen Trauung ein edle schwarze Wolford-Strumpfhose mit einer Zackenlinie auf der Rückseite zu tragen. Ich weiß wirklich nicht, warum das Thema so lange Zeit vergraben blieb, aber vermutlich schon, weil es so schambesetzt war, dass ich es erfolgreich verdrängte.
Erst 2019/2020, als ich in vielerlei Hinsicht über meine Sexualität nachdachte und auch Sexchats besuchte, stellte ich fest, dass es dort noch viel mehr Menschen wie mich gab, die diese Leidenschaft hatten. Das war eine Offenbarung für mich. So wie es viele Offenbarungen für mich gab im Zusammenhang mit Sexualität. So entdeckte ich das Thema neu, kaufte mir eigene Strumpfhosen und halterlose Strümpfe und ging dem wieder nach. Ich stellte fest, dass ich das Thema vor meiner Frau weiterhin weitestgehend geheimhielt. Sie hatte — eben mit Ausnahme weniger Gelegenheiten wie der Hochzeit — nichts für Nylons übrig.

Das Thema Crossdressing beschränkte sich weiterhin im Wesentlichen auf Nylons, auch wenn ich schon ein paar sexy Dessous kaufte, von denen ich hoffte, ich könnte meine Frau dazu überreden, mal etwas gewagtes anzuziehen, vielleicht auch nur für mich. Aber die Hoffnung war vergeblich, also zog ich das selbst heimlich bei Gelegenheit an, wenn ich alleine war.
Erst ab 2024, mittlerweile getrennt, konnte ich mich austoben und fing an, mir immer mehr weibliche Kleidungsstücke zu kaufen und trug diese gelegentlich zuhause. Ich machte weitere Gehversuche mit anderen Schuhen, Stiefeln und Sandalen, alle mit hohen Absätzen, und besorgte mir eine erste Perücke.
Irgendwann kam der Moment, an dem ich insbesondere die Highheels auch einmal außerhalb der schützenden vier Wände ausprobieren und mir selbst beweisen wollte, dass ich darin laufen konnte. Ich machte mich frühestens nach Mitternacht auf, manchmal auch erst um 2 oder 3 Uhr morgens, packte mit Herzklopfen zunächst die Heels in einen Rucksack, ging bis zu einem schmalen Uferweg am Rande meiner Kleinstadt und zog sie dort verstohlen an, steckte meine Herrenschuhe in den Rucksack und lief los. Bis auf Ausnahmen, bei denen mir das Herz bis zum Halse schlug, traf ich fast nie jemanden. Und wenn, dann war es sehr dunkel.
Trotz des weichen Untergrunds merkte ich, dass mir das Gehen grundsätzlich keine Schwierigkeiten bereitete. Klar knickte ich ab und zu um, aber mit der Übung kam Sicherheit. Teilweise verlief ein asphaltierter Wirtschaftsweg neben dem Fußweg, sodass ich auch unterschiedliche Untergründe testen konnte und ungestört mit den hohen Absätzen über den Asphalt klackern, in der Regel zwischen 7 und 11 Zentimetern.
Dann war es Zeit fürs nächste Level: Bereits in Damenschuhen oder ‑Stiefeln das Haus verlassen. Die Spannung war groß, bereits im Treppenhaus herunterzustöckeln und über den Hof zu laufen, konnte doch jederzeit ein Hausbewohner in den Hof kommen, auch wenn das zu diesen Uhrzeiten eher unwahrscheinlich war. Natürlich war das nie der Fall, und ich war erleichtert. Die wenigen Menschen, denen ich begegnete, ignorierten möglicherweise sogar die Tatsache, auch wenn es teils unüberhörbar war.
Nach einigen Nachtspaziergängen in Männerkleidung, aber verschiedenen Heels (Pumps, Stiefel, Sandalen) stellte ich fest, welche für mich auf längeren Strecken gut benutzbar, gerade noch erträglich oder untragbar waren.
2025 hatte ich dann auch nach ein paar Billig-Onlinekäufen und mehr oder weniger Pech in der Damenabteilung des Bad Homburger Karstadts zwei Kleider erstanden und nahm mir vor, damit rauszugehen. Nicht in nächster Nähe, dazu war die Angst viel zu groß, von Nachbarn oder meiner beruflichen “Kundschaft” gesehen zu werden. Was würden sie wohl denken und sagen?

Mein erster “Auftritt” komplett als Frau gekleidet, war im Juli 2025 beim Christopher Street Day (CSD) auf dem nördlichen Mainufer in Frankfurt. Zu einem CSD wollte ich ohnehin schon lange mal, schon allein, um die bunten schillernden Paradiesvögel zu sehen, die ich auf Fotos eines alten Freundes vom CSD Mannheim gesehen hatte. Und auch, um die LGBTQIA-Szene zu unterstützen. Aber für mich war es vor allem der richtige “sichere” Ort, wo mich niemand be- oder verurteilt, sondern alles möglich ist.
Da ich mich nicht traute, direkt bei Tageslicht das Haus als Frau zu verlassen, zog ich meine Unterwäsche, also Strumpfhose, gepaddete Unterhose für eine femininere Hüfte sowie eine Art Shapewear, um meinen Bauch etwas zu minimieren, bereits zuhause an und zog eine Jeans drüber. Meine Silikonbrüste, den BH, das Kleid und die Perücke, Schmuck und Kleinzeug packte ich in eine Tasche und nahm sie mit ins Auto. Unterwegs fuhr ich in einen Feldweg, um mich dort weiter zu verwandeln. Fertig gekleidet fuhr ich weiter, immer mit einem Gefühl der Unsicherheit: Wer sieht mich? Was mögen die Leute denken?
Um problemlos einen Parkplatz zu bekommen, parkte ich in der Nähe des Südbahnhofs.Vor dem Aussteigen wollte ich noch schnell meine Fingernägel lackieren. Ein großer Fehler, da ich erstens aufgeregt war, was auf mich zukommen würde, aber auch weil Hast und Ungeduld so ziemlich das Ungünstigste ist, was man beim Nägellackieren gebrauchen kann. Aber ok, ich schaffte es mehr schlecht als recht. Vom Südbahnhof aus hatte ich eine ordentliche Strecke vor mir. Durch ganz Sachsenhausen klapperte ich mit meinen schwarzen 7cm-Blockabsatz-Sandalen, vorbei an gut besetzten Restaurants, die erste große Challenge des Tages. Ich konzentrierte mich auf meinen Weg und versuchte, nicht zu sehr auf die Leute an den Tischen zu achten, von denen manche mich offensichtlich bemerkten, aber in der Regel nur beiläufig schauten. Ob sie bemerkten, dass ich Crossdresser und keine Frau war? Keine Ahnung. Vermutlich einige, aber auch hier reagierte niemand für mich bemerkbar. Auf dem südlichen Mainufer begegnete mir neben vielen anderen eine Gruppe junger Frauen, und eine rief mir entgegen: Tolles Outfit! Ich rief ihr ein herzliches Dankeschön entgegen, und jeder ging seiner Wege. Innerlich freute ich mich riesig über das Kompliment. Allmählich konnte ich mich entspannen und die Dinge auf mich zukommen lassen.
Dort auf der CSD-Party (zum Umzug hatte ich es zeitlich nicht mehr geschafft) waren wie erwartet alle möglichen Leute vertreten, von fast Nackten in Fetischkleidung, ein paar Pupplay-“Hunden”, bunt und schrill und trotzdem normal gekleideten, bis hin zu schillernden Dragqueens. Ich fiel eher durch “Normalität” auf, da mein Kleid eher konservativ gehalten war, ausgewählt, um in der Menge “normaler” Menschen möglichst wenig aufzufallen. “Nicht auffallen”, das hatte ich von klein auf gelernt. Und möglichst schon gar nicht negativ. Für alle, die bemerkten, dass ich ein Mann in Frauenkleidern war, dürfte ich in diesem bunden Kaleidoskop kaum aufgefallen sein. Insgesamt gefiel mir die Veranstaltung, auch wenn es für mich ein gemischtes Gefühl war: Manches an Kleidung, Schuhen und Perücke zwickte noch, ich schwitzte ziemlich unter der Perücke, die auch leicht verutschte. Alles Kleinigkeiten, die noch suboptimal waren, um sich wirklich befreit zu fühlen, aber sich ohne Probleme von außen in der Öffentlichkeit bewegen zu können, war ein elektrisierendes Gefühl. Ja, schon ein Schritt in Richtung Befreiung. Es zeigte mir, dass mir die Meinung der meisten Leute, die mich nicht kannten und die ich nicht kannte, komplett egal sein konnte. Dass mich niemand persönlich angriff oder beleidigte, war ein Game-Changer. Da ich nicht gerade selbst der kontaktfreudigste bin, war es etwas schade, dass ich ganz ohne Freunde oder Bekannte zu diesem Event gegangen war, sodass ich die meiste Zeit doch eher für mich alleine die Unterhaltungsangebote des Festes nutzte. Aber summa summarum war es eine tolle erste Gelegenheit, in die Öffentlichkeit zu gehen und diese Erfahrungen zu machen.
Interessant ist für mich rückblickend vor allem eines: Mein Crossdressing hat nie etwas an meiner sexuellen Orientierung verändert. Ich war und bin weiterhin heterosexuell. Viele Menschen werfen solche Themen bis heute zusammen, dabei sind Kleidung, Geschlechtsausdruck und sexuelle Orientierung unterschiedliche Dinge.
Die nächste Frage, die dann oft kommt, ist: Möchtest du eine Frau werden? Meine Antwort zur Zeit ist: nein. Ich bin und bleibe weiterhin Mann, möchte aber (auch) meine weibliche Seite in mir leben, und ich mag einfach die deutliche größere Vielfalt weiblicher Kleidung.
Die Crossdresser-Szene ist extrem vielfältig in ihrem Ausdruck, in ihrer Publizität, ihrer, Gender-Identität und ihrer sexuellen Orientierung. Laut einigen Studien, auf die ich gerne ein andermal eingehe, ist jeder 6. Mann ein Crossdresser, das umfasst von gelegentlichem und heimlichem Anziehen bestimmter Kleidungsstücke bis hin zum 24/7 öffentlich auftretenden Crossdresser. Ich selbst befinde mich innerhalb dieser Range: Ich verwandle mich nur ab und zu vollständig optisch in eine Frau (ok, ohne Makeup) bleibe aber meistens im Alltag durch die fehlende Perücke als Mann erkennbar, was einerseits sogar mehr Mut kostet, weil die “Unstimmigkeit” zwischen biologischem Geschlecht und optischem Auftritt viel augenfälliger ist, aber für mich den Vorteil von deutlich weniger Aufwand und mehr alltäglichem Wohlfühlen hat.
Alles in allem empfinde ich heute deutlich weniger Scham, wenn ich weiblich gelesene Kleidungsstücke anziehe, und ja, Nylons (dazu kommen natürlich noch Beiträge) gehören ziemlich fest zu meiner Garderobe, außer ist extrem heiß. Ich kann es jetzt deutlich mehr genießen, die größere Vielfalt an Farben, Formen und Materialien an Kleidung zu tragen und am Körper zu spüren. Die größere sinnliche Vielfalt weiblicher Kleidung bereichert mein Leben. Ich habe mir meine frühere Leidenschaft für Nylons zurückerobert und freue mich, diese jeden Tag genießen und zeigen zu können. Ich verstecke diesen Teil von mir nicht mehr, sondern gehe sogar offensiv damit um, um anderen Menschen zu zeigen, dass jeder dieses und im Grunde jedes Kleidungsstück tragen kann.
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